Das Wichtigste
- Depression hat klare Ursachen. Sie betäubt andere Emotionen (vor allem Wut) aus der Idee heraus, sie nicht aushalten zu können oder bestimmte Situationen nicht ändern zu können. Sie entstammt meist einer „erlernten Hilflosigkeit“, einem Glauben, Dinge hinnehmen zu müssen, nicht Nein sagen zu können. Dabei „hilft“ diese Form der Betäubung. Es entsteht allerdings massiver verdeckter Groll aus dieser Opferposition.
- Was hilft, sind klare Grenzen sowie die wiederholte Einladung, Hilfe zu suchen. Gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, funktioniert nur selten. Sie werden dann als Teil eines Systems aus Zwängen wahrgenommen.
- Depression bei Männern sieht selten nach Traurigkeit aus. Sie zeigt sich eher als Gereiztheit, Rückzug und Überstunden.
- Stellen Sie sich z. B. vor, Ihr Mann mag seine Arbeit nicht, er hasst sie sogar. Doch er glaubt, keinen anderen Job finden zu können, der die Familie ernähren würde. Dies ist eine klassisch depressive Situation: Wut muss unterdrückt werden, um den Status quo zu erhalten. Sonst würde er seinem Vorgesetzten gegenüber womöglich explodieren. Das gleiche Prinzip lässt sich auch auf Beziehungen und andere Situationen übertragen. Manche Dinge, die seine Partnerin von ihm verlangt, möchte er nicht tun. Er glaubt jedoch, den Konflikt nicht auszuhalten oder die Beziehung zu verlieren. So wächst ein verdeckter Vorwurf gegen andere.
- Wenn Ihr Partner seine Wut an Ihnen auslässt, sind Sie selten die Ursache. Sie sind nur der Ort, an dem es sicher genug ist, den Deckel über der Wut herunterzunehmen. Das ist nicht fair, aber ich beobachte es immer wieder.
- „Bist du depressiv?“ ist die falsche Frage. Fragen Sie danach, wo er Druck, Zwang, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Verpflichtungen wahrnimmt. Erschrecken Sie jedoch nicht, wenn dann Wut, Ohnmacht und Angst gezeigt werden. Das müssen Sie „halten“ können, wenn Sie nachfragen.
- Hören Sie auf, ihn zu therapieren. Sie sind seine Partnerin, nicht seine Therapeutin. Sie können ihm allerdings in offenen Momenten wiederholt sehr nahelegen, einen Therapeuten aufzusuchen.
- Seien Sie sich bewusst, dass eine Übertragung der Mutterbeziehung oft im Spiel ist. In der Depression gibt es eine Regression, d. h. eine Rückkehr in kindliche Muster. Dies macht es oft extrem schwer, gemeinsam konstruktiv Lösungen zu erarbeiten. Deswegen ist professionelle Hilfe oft so wichtig.
- Wutausbrüche müssen Sie nicht hinnehmen. Klare Grenzen helfen ihm mehr als scheinbar grenzenloses Verständnis.
Depression bei Männern: Symptome, die Sie kennen sollten
Ihr Mann wird wahrscheinlich nicht weinen. Er wird funktionieren. Er wird mehr arbeiten, mehr trinken, mehr Sport machen(!), mehr am Handy sein. Und er wird schneller explodieren. Die klassischen Zeichen einer Depression, also gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit und fehlender Antrieb, sind bei vielen Männern zwar da. Aber sie liegen unter einer Schicht aus Aktivität und Reizbarkeit.

(Wissenschaftliche Quellen: siehe Literatur am Ende des Artikels.)
Wut auf die Partnerin: Warum er gerade Sie anfährt

Eine falsch eingeräumte Spülmaschine. Eine Frage zum falschen Zeitpunkt. Und er geht hoch, laut, unverhältnismäßig. Zehn Minuten später sitzt er schweigend im Arbeitszimmer. Am nächsten Morgen tut er, als wäre nichts gewesen, oder er entschuldigt sich zerknirscht und schämt sich.
Stellen Sie sich einen Gartenschlauch vor, den jemand abknickt. Das Wasser hört nicht auf zu fließen, es staut sich. Genau so funktioniert unterdrückte Wut. Den ganzen Tag schluckt er herunter: den Chef, die Kunden, den Druck, die Eltern, die Kinder, die eigenen Zweifel. Zu Hause, wo es sicher ist, gibt der Schlauch nach. Sie bekommen ab, was sich bei anderen angestaut hat.
Der Mann, der nie laut wird, nie Nein sagt, immer „passt schon“ antwortet, steht oft schon tiefer in der Depression als der Mann, der ab und zu explodiert. Wut ist emotionale Energie. Sie kann genutzt werden, Dinge anzupacken. Richtig und kontrolliert eingesetzt wird aus ihr Mut: Er setzt Grenzen, trifft Entscheidungen, steht für sich ein. Unterdrückt wird aus ihr Lähmung. Das heißt nicht, dass Sie alles aushalten müssen. Verständnis heißt nicht, sich anschreien zu lassen.
Depression und Beziehung: Was sie mit Ihnen beiden macht
Depression schleicht sich in eine Beziehung, ohne anzuklopfen. Die Gespräche drehen sich um Organisation: Wer holt die Kinder, wer zahlt die Rechnung? Zärtlichkeit wird seltener, Sex verschwindet. Sie fühlen sich wie eine Mitbewohnerin, die zufällig mit einem brütenden oder abwesenden Mann zusammenlebt.
Depression betäubt nicht nur Traurigkeit und Wut. Sie betäubt alles: Freude, Lust, Nähe, auch die Liebe zu Ihnen. Viele Männer, die in der Depression stecken, fühlen schlicht gar nichts mehr und ziehen daraus den falschen Schluss. Das ist keine Garantie, dass seine Gefühle zurückkommen. Aber es ist ein guter Grund, große Entscheidungen nicht mitten in der Depression zu treffen. Ein Fehler, den ich immer wieder sehe: Die Partnerin wird zur Therapeutin. Sie liest Ratgeber, analysiert, fragt nach, sucht Termine, macht Vorschläge. Das ist liebevoll gemeint und geht fast immer schief. Er fühlt sich wie ein Patient, wie ein Sohn. Und Sie fühlen sich zunehmend frustriert.
Depression bei Männern ab 40, ab 50, ab 60
Bestimmte Lebensphasen sind für Männer besonders heikel. Das alte Bild von sich selbst trägt nicht mehr, ein neues ist noch nicht da.

Mit Anfang 40 laufen Karriere, kleine Kinder, Kredit und vielleicht schon kranke Eltern gleichzeitig. Dazu kommt die leise Frage: War es das jetzt? Es gibt eine innere Leere. Ab 50 wird Bilanz gezogen. Der Aufstieg ist ausgereizt, die Kinder ziehen aus, Verwandte sterben. Viele meiner Klienten berichten Todesfälle in der Zeit vor Therapiebeginn. Ab 60 fällt mit dem Ruhestand die wichtigste Quelle von Struktur und Anerkennung weg. Wer keine Freundschaften außerhalb der Arbeit hat, steht plötzlich allein da. Einsamkeit und soziale Verluste machen Männer besonders verletzlich (Möller-Leimkühler, 2003). Gerade hier sind Sie oft die Einzige, die etwas bemerkt.
Warum er seine Depression vor Ihnen versteckt: Der Nice Guy

Viele Männer leiden meiner Meinung nach unter Orientierungslosigkeit. Sie sollen gefühlvolle Partner sein und zugleich stark, erfolgreich und zielstrebig. Sie sollen sich durchsetzen, aber bitte nicht aggressiv sein. Man solle Grenzen setzen, aber sanft. Wer es allen recht machen will, verliert sich selbst. Das wird „Nice Guy“-Muster genannt. Brav sein, nicht anecken, funktionieren, niemandem zur Last fallen. Viele Männer haben das als Kinder gelernt, und es hat ihnen damals geholfen. Als Erwachsene führt es geradewegs in die Depression. Und: Seine Partnerin verliert den Respekt, sogar bis hin zur Verachtung. Sie fühlt sich von ihm nicht geschützt oder unterstützt, weiß nicht, wo er steht. Er ist amöbenhaft, wie Wackelpudding. Emotional eintönig, nicht heiß, nicht kalt. Unsicher und kindlich.
Viele Frauen wünschen sich einen Mann, der Gefühle zeigt. Und erschrecken dann, wenn das erste Gefühl, das kommt, Wut ist. Oder Angst. Oder Hilflosigkeit. Viele Männer haben gelernt: Ich darf fühlen, aber bitte nur die angenehmen Gefühle. Früher war damit seine Mutter überfordert. Wenn Ihr Partner Ihnen gegenüber zum ersten Mal zugibt, dass er Angst hat oder nicht mehr weiterweiß, ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Vertrauensbeweis. Gehen Sie behutsam damit um. Die Forschung stützt dieses Bild. Je starrer Männer an der Norm „Ich muss das allein schaffen“ festhalten, desto schlechter geht es ihnen seelisch und desto seltener holen sie sich Hilfe (Wong et al., 2017).
Und Sie? Warum Sie zuerst auf sich achten müssen

Es ist nicht Ihre Aufgabe, ihn zu heilen. Sie können ihm den Weg zur Hilfe leichter machen. Gehen muss er ihn selbst. Das klingt hart, ist aber befreiend, für Sie beide. Ein Mann, dem die Partnerin alles abnimmt, verliert das letzte Gefühl, selbst etwas bewirken zu können, was das Grundproblem verstärkt. Und eine Frau, die alles trägt, bricht irgendwann zusammen. Holen Sie sich deshalb eigene Unterstützung: Freundinnen, die zuhören, eine eigene Beratung, das Info-Telefon Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe unter 0800 33 44 533. Oder einen Psychotherapeuten. Und setzen Sie Grenzen. Grenzen sind keine Strafe. Sie sind für viele Männer der erste klare Halt seit langer Zeit.
Was ich mit Männern mache
In meiner Arbeit reden wir wenig über die Vergangenheit. Wir arbeiten an dem, was festsitzt: an unterdrückter Wut, an Angst, an Trauer. Meine Klienten lernen, diese Gefühle im Körper zu spüren und loszulassen, mit der Sedona-Methode. Die rohe Energie der Wut wird so zu Mut. Dazu kommen kleine tägliche Übungen, ein Prozent jeden Tag. Große Durchbrüche entstehen aus vielen kleinen Schritten. Parallel üben wir echte Vergebung: das Loslassen von schmerzhaften Episoden aus der Vergangenheit. Die Vergangenheit kann uns nur schaden, wenn wir an ihr festhalten! Wenn Ihr Partner bereit ist, sich das einmal anzuschauen: In einer kostenlosen Probesitzung erforschen wir praktisch, ob die Methode zu ihm passt.
Mehr über mich und meinen eigenen Weg aus der Depression lesen Sie hier.
Literatur
- Möller-Leimkühler, A. M. (2003). The gender gap in suicide and premature death or: Why are men so vulnerable? European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 253(1), 1–8. https://doi.org/10.1007/s00406-003-0397-6
- Wong, Y. J., Ho, M.-H. R., Wang, S.-Y., & Miller, I. S. K. (2017). Meta-analyses of the relationship between conformity to masculine norms and mental health-related outcomes. Journal of Counseling Psychology, 64(1), 80–93. https://doi.org/10.1037/cou0000176
Eine Depression ist eine ernsthafte Erkrankung und sollte immer auch ärztlich abgeklärt werden. Setzen Sie Medikamente nie ohne Rücksprache mit dem Arzt ab. Wenn Ihr Partner an Suizid denkt oder Sie selbst in einer akuten Krise sind, wenden Sie sich bitte sofort an den Notruf 112 oder an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos, rund um die Uhr).